So lautete die These einer Podiumsdiskussion während der AMEE 2007. Zunächst wurde mit einem Feedback-System das Votum des Publikums eingeholt: 31% stützten die These, 64% lehnten sie ab und 5% enthielten sich.
Die These wurde unterstützt von Poh-Sun Goh (Singapur), der eindringlich die Grenzen beschrieb, die ein Lernmanagement-System (LMS) Studierenden auferlegt und wie die Universitäten durch die Vermittlung von ausgesuchten Informationen die Studierenden kontrolliert.
John Sandars (Leeds) widersprach diesem, in dem er die Vorteile von eLearning aufführte, das jederzeit und überall, ganz frei stattfinden könne. Dass jeder Freiheit Grenzen auferlegt sind, sei ganz normal. Auch ein frei aufwachsendes Kind würde daran gehindert werden, in eine Steckdose zu fassen.
Michael Begg (Edinburgh) stütze die These, in dem er postulierte, dass die LMS in der Hand der Universitäten lägen und deren ureigenstes Interesse wäre die Kontrolle der Studierenden. Offene web2.0-Anwendungen würden daher gar nicht oder nur inoffiziell genutzt.
Als letzter auf dem Podium kam David Cook (Edmonton) zu Wort. Wir wären doch schließlich alle zur AMEE-Conference gekommen, um zu lernen, eLearning im Interesse der Studierenden zu nutzen. Es ist ein Werkzeug, dass uns die Möglichkeit geben soll, die Lehre freier zu gestalten.

Nachdem die Vetreter von Pro und Contra Position bezogen hatten, konnte das Auditorium Fragen stellen und an der Diskussion teilnehmen.
Donald Walsh (Davis) fragte nachdem Vergleich zum Lernen aus Büchern. Cook stimmte ihm zu, dass eLearning einfach ein neues Werkzeug wäre, dass sich in den letzten 5 Jahren entwickelt hätte, während Begg erneut eindringlich warnte, dass es nur um den Erhalt von mehr Kontrolle gehe.
Eine Studentin aus Kopenhagen merkte an, dass oft nur langweilige, traditionelle Inhalte in den LMS zur Verfügung ständen und die guten Dinge außerhalb zu finden seien. Daher sollte man Studierende mehr an der Entwicklung teilhaben lassen. Begg fand diesen Ansatz der Studenten-initiierten Communities of Practice (CoP) sehr interessant, befürchtete aber, dass diese nicht von den Hochschulen angenommen würden [Anm. Autor: Beispiel eines Gegenteils ist die gute Kooperation der TiHo mit Foren4vet].
Als nächstes wurde gefragt, warum man sich in dieser Diskussion nur auf eLearning als Instruktion beschränke , nur auf das Lesen von Texten und nicht auch z.B. auf die Prozessbegleitung in der Fortbildung. Goh begründete diese strenge Sicht mit der Angst vor lebensgefährdenden Fehlern in der Medizin. Sandars widersprach ihm, dass auch CoP und Networking zum eLearning gehören und damit Fortbildungan jederzeit auch ohne Reisetätigkeit ermöglichen. Begg hingegen empfand eLearning damit als viel zu weit gefasst. Man solle es lieber auf instruktionelle LMS beschränken, bei denen die Kontrolle im Vordergrund stehe.
Mary Lee (Medfort) bereicherte die Diskussion aus dem Auditorium heraus durch ihre 10-jährige Erfahrung mit LMS. Nachdem ihre Fakultät erst Angst vor der Isolation hatte, stellten sie dann fest, dass die Studierenden nur mehr Kontakt und Interaktion mit den Dozenten suchten. So wurden die PowerPoint im Voraus per LMS verteilt und von den Studierenden bearbeitet, sodass in Präsenz dann Kleingruppendiskussionen stattfanden. Die Faklutät ist immer noch dabei, viele neue innovative Einsatzmöglichkeiten zu finden. Ddie Studierenden sollen möglichst viel Freiheit erhalten. Zu Beginn des Studium ist allerdings noch einiges an Führung notwendig, was später deutlich nachlässt.
Die folgende Anmerkung aus der Zuhörerschaft stellte nicht die Kontrolle als Problem dar, sondern die die technischen Anforderungen für den Einsatz von eLearning, die bei den Studierenden immense Kosten verursache, was vor allem in ärmeren Ländern ein Problem sei. Sandars erklärte, dass eLearning auch sehr einfach zu erstellen sei und dass nicht immer eine Breitbandverbindung notwendig ist. Schon mit minimalem Aufwand z.B. mit mp3-Playern , Blogs oder Wikis ist eLearning möglich. Es muss nicht immer High-Tech-Game-Based sein. Begg gab zu bedenken, dass es diese Werkzeuge zwar gäbe, sie aber von den Institutionen aber nur zur Kontrolle eingesetzt werden.
Durch den Einsatz elektronischer Patientenakten, so ein weiterer Kommentar, sei die Möglichkeit gegeben, direkt online zu recherchieren und kollaborativ zu arbeiten. Auch dies sei eLearning. Goh widersprach, da man bei Informationen im Internet nur dann von der Richtigkeit ausgehen könne, wenn sie durch Universitäten zur Verfügung gestellt würden. Sandars hingegen verwies auf die Potentiale des web3.0 mit dem der Aufbau von Informationsnetzwerken stark verbessert werden soll.
Kontrolle gäbe es doch in verschiedenen Ausbildungsgraden. Sie sei auch sehr wichtig für viele Prozesse, wurde der Sinn der Diskussion etwas hinterfragt. Sandars stimmte dem zu und beschrieb eLearning als einen laufenden Entwicklungsprozess, bei dem man aus Fehlern lernen müsse. Man solle sich davor hüten, in eine moralische Panik zu verfallen. In dieser Panik sah Begg sich nun gar nicht, sondern eher als einen Teil der guten Entwicklung.
Die Anmerkung, dass durch LMS höchstens die Informationen, nicht aber die Studierenden zu kontrollieren seien, blieb unkommentiert.
Die letzte zugelassene Auditoriumsfrage, sprach eTeaching als Problem an. Durch mangelndes Know-How bei den Tutoren währen hier viel eher Schwierigkeiten auszumachen. Sandars vermutete, dass viele Tutoren leider nicht in der Lage wären, zu unterrichten und die Werkzeuge zu nutzen. Wenn hier mehr Aufklärung und Anleitung stattfände, würden auch die Plattformen stärker genutzt.
Bevor das Auditorium erneut abstimmen durfte, fasste jeder Disskutant die Session aus seiner Sicht zusammen. Da Studierende Prüfungen bestehen müssen, wird es auch immer Kontrolle geben müssen. So das Resumee von Goh. Sandars kann eLearning nicht als so schlecht empfinden, schließlich nutzen es ja alle. Es müsse eine Entwicklung ohne moralische Panik ermöglicht werden. Begg sah zwar ein, dass es unterschiedliche Definitionen geben mag, für ihn herrschte aber die Kontrolle vor. Cook schließlich fragte sich, ob man nun alle Uni abschaffen müsse, da sie ein Kontrollsystem des Bösen wären. Soll es in der Medizin nur noch Selbstlernen geben? Nein, eLearning muss als Werkzeug gesehen werden, um neue Möglichkeiten, Freiheiten und Kreativität entstehen zu lassen. Dabei ist es wichtig, mehr über die Anwendungsmöglichkeiten zu lernen und zu forschen.
Eine erneute Abstimmung im Auditorium ergab, dass nun 26% die These stützten, 62% sie ablehnten und 12% sich enthielten. Gefragt nach eTeaching hingegen würden 41% die These stützen, 47% sie ablehnen und wiederum 12% sich enthalten. Ein direkter Vergleich der Abstimmungen war leider nicht mehr möglich, da einige Zuhörer während der Diskussion aufgaben und den Saal verließen.
Trotzdem ist das Ergebnis sehr charakteristisch für die gut gemeinte Podiumsdiskussion. Die vier Streiter haben sich sehr bemüht, Ihr Standpunkte pointiert darzustellen. Mein besonderes Kompliment gilt dabei Michael Begg, der es wirklich geschafft hat, als absoluter Kontroll-Paranoiker zu erscheinen. Trotzdem hinterließ die Diskussion das Auditorium sehr viel verwirrter als vorher. Definitionen von eLearning, Kontrolle und Freiheit dehnten sich wie Kaugummi und zogen sich danach wieder maximal zusammen. Aber eins immerhin hat die Diskussion gezeigt: eLearning ist extrem vielfältig. Es eröffnet viele Horizonte, allerdings in beide Richtungen. Daher ist es um so wichtiger, sich genau mit der Anwendung und anderen Anwendern auseinanderzusetzen.
[Ich würde mich freuen, wenn die Diskussion hier in den Kommentaren fortgeführt wird.]